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Mama sein.

Ich bin Mama.

Aber keiner sieht es.

 

Ich trage mein Kind nicht auf dem Arm, halte es nicht an der Hand. Niemals.

Ich trage mein Kind im Herzen, halte es in meinen Erinnerungen. Für immer.

 

Es ist doch ein seltsames Gefühl, dass mich seit Wochen begleitet. Da bereite ich mich monatelang auf das Mama-Sein vor. 

Lese Ratgeber zu Geburt und Stillen, vergleiche Erfahrungsberichte über Kinderwägen, Babyzubehör und Erziehungsfragen.

Kaufe Kleidung, Lätzchen und Unmengen an Windeln.

Und keiner sagt mir, dass ich das alles evtl. gar nicht brauchen werde.

Weil es so unwahrscheinlich ist, außerhalb jeder Vorstellung liegt, dass "auf der Zielgeraden" noch etwas schief geht.

Niemand denkt, dass ein Baby kurz vor der Geburt sterben könnte.

Dass ein kleines Herzchen einfach so aufhört zu schlagen. Im Bauch. Am eigentlich sichersten Ort für mein Baby.

Und doch passiert es. Selten. Aber öfter als man denkt.

Plötzlicher Kindstod im Mutterleib.

 

Der Tod trifft. Er hält fest. Er kommt unerwartet. Immer.

Und er ist unausweichlich. Unumgänglich. Unumkehrbar.

Er trifft. Mitten ins Herz.

 

Der Schmerz, mein Kind zu verlieren, noch bevor es geboren wurde, ist mit Worten nicht zu beschreiben.

Nichts erfasst die plötzlich einsetzende Leere; das Gefühl absoluter Ohnmacht und Verzweiflung.

Mein Innerstes liegt in Scherben vor mir, und erst nach und nach kann ich begreifen, und realisieren,

dass das, was in der reinen Vorstellung der schlimmste Alptraum für Eltern sein mag,  für mich nun bittere Realität ist.

 

Das ist jetzt mein Leben. Mein Leben als Mama. Ohne Kind. Mit Kind.

 

Also fange ich an, Schritt für Schritt in ein Leben zu gehen, für welches ich keine Vorstellung habe. 

Keine Vision oder Idee. Keinen Plan. Nichts.

Ich fange an, Tag für Tag, zu überleben. Und irgendwann gelingt es mir, den Tag als solchen überhaupt wieder wahrzunehmen.

Festzustellen, dass die Erde sich weiter dreht; auch wenn für mich alles still zu stehen scheint.

Tausend Fragen - und auf die meisten wird es nie eine Antwort geben.

 

Ich habe angefangen, nach Gleichgesinnten zu suchen - etwas, dass mir Halt vermitteln kann, in einer Welt, die völlig aus den Fugen geraten ist. Alles ist ver-rückt; nichts mehr an Ort und Stelle.

Plötzlich denke ich anders, ich fühle anders und muss mich selbst neu finden.

Ich frag mich, wer ich war, wer ich nun bin und wer ich sein kann. Ob ich überhaupt noch sein kann.

Wie soll das gehen, ein Leben ohne mein Kind? Ohne meine Tochter.

Ich zweifele an meinem Glauben; ich zweifele an meinem Körper, stelle mich und meine Existenz in Frage.

Ich warte verzweifelt darauf, einen Sinn zu spüren - etwas, wofür ich weiterleben soll.

Weil ohne mein Kind alles so sinnlos erscheint.

 

Und dann ist er da - ein kleiner Lichtblick. Ganz plötzlich. Erst hält er nur einen kurzen Augenblick.

Dann ein paar Stunden. Und irgendwann vielleicht einen ganzen Tag oder eine Woche. Vielleicht mehr.

Ich sammele Kraft. Finde wieder positive Gedanken. Habe eine Vorstellung davon, wie ich mit meinem Kind im Herzen weiterleben kann.

Wie es Teil meines Lebens sein kann; ohne da zu sein.

Ich spüre ein leises Aufflackern von Hoffnung. Zuversicht. 

Wenn ich an mein Kind denke, spüre ich Liebe. Inmitten des grausamen Schmerzes fühle ich Glück.

Dankbarkeit. Und Stolz. Alles für und wegen meiner Tochter.

Ich mache mir Mut.  Für mein Kind will ich wieder glücklich sein.

 

Ich lebe in einem ständigen Auf und Ab.

Ich weiß nicht, wie der Tag wird, wenn ich morgens aus dem Bett steige. 

Ich weiß nicht, was mich heute Tränen weinen lässt. Ich weiß nur, ich werde sie weinen. Tag für Tag.

Manchmal kann ich  es kaum aushalten; glaube, dass der Schmerz mich auffrisst, dass ich rückwärts statt vorwärts gehe.

Und dann stelle ich fest, ich laufe im Kreis.

Mal schnell, mal langsam. Mal rechts, mal links.

Ich muss nirgends ankommen. Es gibt kein Ziel.

Ich bin bei mir.

 

Ich höre auf, Pläne zu machen. Ich spreche nicht mehr von irgendwann. 

Für mich zählt das Hier und Jetzt. Weil ich sicher weiß, dass es vielleicht kein Morgen mehr gibt.

 

Ich lebe. Ich liebe.

 

Für Leefke.

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Kommentare: 6
  • #1

    Sandra (Freitag, 19 März 2021 16:59)

    Liebe Isabell, dein Text berührt mich tief und erinnert mich sehr an meine Empfindungen, als unser Sohn tot zur Welt kam. Es ist beides da: Die tief empfundene Verlorenheit mit den vielen, vielen Tränen und das Wissen, dass das geliebte Kind vor allem eines bewirkt hat: Liebe und Glück. Auch wenn das Glück gerade unter ganz viel Schmerz vergraben liegt. ❤️ Alles Gute für Dein Mama sein.

  • #2

    Kathrin (Freitag, 19 März 2021 19:27)

    Ich bin begeistert, wie du für eine so schlimme Situation solch schöne Worte finden kannst ❤️ Ich finde mich echt in jedem deiner Texte wieder und es gibt mir Mut. Auch wenn es traurig ist zu sehen, wie auch andere Mamas ohne ihr Kind an der Hand leben müssen. Aber sie sind tief in unseren Herzen und Erinnerungen. Und da werden sie für immer bleiben.

    Mach weiter so! Ganz liebe Grüße

  • #3

    Rebecca (Freitag, 19 März 2021 22:03)

    Du schreibst so schön, obwohl die Situation eine so schreckliche ist... Und du schaffst es, sie in die passenden Worte zu fassen. Das was du schreibst, spricht mir aus der Seele...
    Ich sende Dir liebe Grüße, und denke an Eure Leefke.

  • #4

    Patrizia (Donnerstag, 25 März 2021 09:35)

    Das hast du so schön beschrieben. Genauso habe ich auch gefühlt und fühle immer noch so.was bleibt ist die Liebe. Ich hoffe so sehr dass unsere Kinder unsere Liebe spüren und hoffe dass sie uns nicht so vermissen und uns Kraft geben weiterzuleben.

  • #5

    Lena (Dienstag, 30 März 2021 13:37)

    “Und dann stelle ich fest, ich laufe im Kreis.
    Mal schnell, mal langsam. Mal rechts, mal links.
    Ich muss nirgends ankommen. Es gibt kein Ziel.
    Ich bin bei mir.“ Ja, Isabell, einfach nur Ja! �

  • #6

    Swaantje, Mama von Leevke (Sonntag, 04 April 2021 22:57)

    Deine Worte berühren mich immer wieder so sehr. Ich sitze hier und weine um deine Leefke und um meine Leevke. Vor zwei Jahren stand ich da vor diesem ähnlichen Scherbenhaufen des neuen Mutter- Seins, auf das uns keiner vorbereitet hatte. Jeder Tag auch heute ist nicht mehr planbar, aber die Trauer ist absehbarer.alles liebe für dich und deinen Mann. Leefke ist stolz auf dich

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